Wie lege ich Süchte ab?

In meinem Leben gab es immer mal wieder Momente, in denen bestimmte Verhaltens- und Konsummuster bedenklich waren. Wahrscheinlich sind wir uns einig, dass jeder einmal in so einer Phase steckt. Und wenn du sie bereits überwunden hast, brauchst du dir darüber keine weiteren Gedanken mehr zu machen. Es war einmal ein Teil von dir, aber jetzt passt es nicht mehr in dein Leben.

Es gibt aber auch andere Süchte, die wir länger mit uns herumtragen, ohne dass wir uns wirklich als süchtig bezeichnen würden. Da gibt es diese alte Binsenweisheit: Du bist erst süchtig, wenn du es dir selbst eingestehst. Doch selbst wenn wir es uns nicht eingestehen, haben wir trotzdem ein inneres Gefühl, das uns sagt: Du weißt doch selbst, dass das eigentlich völliger Mist ist. Du schiebst es beiseite, weil du denkst: Ja, ist schon gut, irgendwann lege ich es ab.

Die Stimme wird jedoch immer lauter, bis du irgendwann an dem Punkt stehst und sagst: So, so geht es nicht mehr weiter.

Ich hatte das Erlebnis mit Alkohol. Ich habe gerne getrunken. Mal verbotenerweise als Teenager, mit der Volljährigkeit dann jedes Wochenende Party gemacht. Wenn die Jahre aber so ins Land ziehen, verkürzen sich die Zeiten des „Nicht-Trinkens“. Zuerst war’s nur mal ein Wochenende, und irgendwann wandert es immer öfter unter die Woche – das berühmte Glas Weinchen am Abend. Tja, und irgendwann bleibt’s nicht mehr bei einem Glas, sondern die Anzahl steigt. Bei mir war’s am Ende dann eher ein Liter Rotwein am Abend. Andere sagten: „Ach, mir reicht ein Glas.“ Ich dachte mir nur: Verstehe ich nicht, der Wein schmeckt doch erst ab dem zweiten Glas …

Auch da gingen wieder Monate ins Land, jeden Abend gab’s Wein, wenn mal kein Wein im Haus war, gab’s 3–4 starke Aperol-Gläser oder „Hey, heute mal zur Feier des Tages 3 feine Long Island Iceteas?“ Welche Feier des Tages? Es war einfach irgendein Dienstag. Wie du schon merkst, Alkohol war jeden Abend ein Begleiter. Du musst dabei wissen: Es war kein Frusttrinken, ich hab mir auch keinen Kummer von der Seele gespült. Ich wollte einfach einen netten Abend haben und mich anders fühlen. Und hier kommen wir schon zu meiner ersten Erkenntnis beim Trinken: Alkohol verwendet man, um eine Auszeit von seinem Leben zu kriegen. „Hiermit muss ich mich jetzt erstmal nicht beschäftigen, jetzt ist Happy-Time angesagt.“ Ist das wirklich so? ;) Oder vertagst du den Mist von heute nicht einfach nur auf morgen, nur hast du dann nicht mal einen klaren Kopf, um den Scheiß zu erledigen …

Dann gibt’s auch immer noch die ganzen „Weekend Warriors“: die ganze Woche arbeiten und dann das ganze Wochenende saufen und feiern, um die furchtbare Woche zu vergessen und endlich zu leben. Nun, bringt’s dir was? Klar, die letzte Woche hast du definitiv am Sonntag vergessen, aber du hörst im Hintergrund ja schon den Montag lachen, weil er dich wieder mit offenen Armen und einem Haufen nervender Sachen überrumpeln will. Was ich damit sagen will: Es ist, als hättest du eine Stelle am Körper, die juckt, und jedes Mal kratzt du wieder, weil du willst, dass es aufhört … Hört der Juckreiz dadurch auf? Nein … natürlich nicht … Das Gleiche funktioniert beim Alkohol oder sämtlichen Süchten auch. Du spürst etwas in dir, und das betäubst du dann erstmal.

Nun, zurück zu mir: Ich habe meine Tage gelebt (im Endeffekt waren es 4 intensive Jahre, in denen ich es mir „hab gut gehen lassen“). Es hat mich eine lange Zeit lang nicht wirklich beeinflusst, ich konnte meine innere und spirituelle Arbeit noch machen, ich hatte nicht das Gefühl, dass meine Anbindung zum Universum darunter wirklich leiden würde, weil ich immer noch Input bekommen habe, und ich war nach wie vor eine gute und emotionale Unterstützung für mein Umfeld. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Ich bin echt den ganzen Tag noch nebelig und komm nicht aus’m Arsch. Ich hab auf nichts mehr Lust, außer heute Abend mir wieder ein Glas einzuschenken und wieder mein Leben zu genießen.

Dann kam irgendwann der Gedanke: Was bringt es mir denn bitte eigentlich? Nichts. Es bringt mich nicht voran. Ich werde dadurch nicht weiser, nicht spiritueller, und Energie fürs Leben habe ich dadurch auch nicht. Was würde mir all das Geld bringen, das ich mir gewünscht habe, wenn ich gerade nicht einmal die Lust habe, loszugehen und mir etwas zu kaufen? Ich wollte einfach meine Anbindung und meinen Prozess nicht mehr verlangsamen, also habe ich von heute auf morgen damit aufgehört. Die ersten ein bis zwei Wochen hat es sich tagsüber und abends komisch angefühlt, aber je klarer du wirst, desto schöner wird es.

Es sind jetzt übrigens knappe 2 Jahre, in denen ich nichts mehr trinke :) – und ich bezeichne mich dabei nicht als „trocken“, auch wenn ich es objektiv betrachtet bin. Der Punkt ist, dass ich kein Problem mit Alkohol habe; ich muss ihn mir weder verbieten noch Angst vor einem Rückfall haben. Ich habe die Ursachen hinter dem Trinken verstanden und brauche es nicht mehr – es ist einfach kein Teil mehr meines Lebens.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Alle Süchte, die dir lediglich eine Auszeit von deinem aktuellen Leben verschaffen, sind überflüssig. Ändere dein Leben und vor allem deine Sichtweise darauf. Selbst wenn du gerade das Gefühl hast, ein „schlechtes Leben“ zu führen und der Alkohol quasi Farbe hineinbringt: Wie willst du dir jemals Gedanken über ein „gutes Leben“ machen, wenn du nicht einmal einen klaren Gedanken darüber fassen kannst, was du eigentlich WIRKLICH im Leben willst?

Trotz des langen Weges ist es eine Erfahrung, die ich nicht aus meinem Leben streichen möchte, einfach weil sie mir eines beweist: Finde den Auslöser für etwas in dir, erkenne ihn und sieh ihn als das an, was er ist: nicht mehr nützlich für dein Leben.

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